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Peter Gerwinski – Artikel

Gut und Böse im Informationszeitalter

1.1.2004

[…] Als der König den Brief las, erschrak er und betrübte sich sehr, doch schrieb er zur Antwort, sie sollten die Königin wohl halten und pflegen bis zu seiner Ankunft. Der Bote ging mit dem Brief zurück, ruhte an der nämlichen Stelle und schlief wieder ein. Da kam der Teufel abermals und legte ihm einen andern Brief in die Tasche, darin stand, sie sollten die Königin mit ihrem Kinde töten. Die alte Mutter erschrak heftig, als sie den Brief erhielt, konnte es nicht glauben und schrieb dem Könige noch einmal, aber sie bekam keine andere Antwort, weil der Teufel dem Boten jedesmal einen falschen Brief unterschob: und in dem letzten Briefe stand noch, sie sollten zum Wahrzeichen Zunge und Augen der Königin aufheben.

Aber die alte Mutter weinte, daß so unschuldiges Blut sollte vergossen werden, ließ in der Nacht eine Hirschkuh holen, schnitt ihr Zunge und Augen aus und hob sie auf. Dann sprach sie zu der Königin: „Ich kann dich nicht töten lassen, wie der König befiehlt, aber länger darfst du nicht hier bleiben: geh mit deinem Kinde in die weite Welt hinein und komm nie wieder zurück.“ Sie band ihr das Kind auf den Rücken, und die arme Frau ging mit weiniglichen Augen fort. Sie kam in einen großen wilden Wald, da setzte sie sich auf ihre Knie und betete zu Gott, und der Engel des Herrn erschien ihr und führte sie zu einem kleinen Haus, daran war ein Schildchen mit den Worten „hier wohnt ein jeder frei.“ Aus dem Häuschen kam eine schneeweiße Jungfrau, die sprach „Willkommen, Frau Königin,“ und führte sie hinein. Da band sie ihr den kleinen Knaben von dem Rücken und hielt ihn an ihre Brust, damit er trank, und legte ihn dann auf ein schönes gemachtes Bettchen. Da sprach die arme Frau: „woher weißt du, daß ich eine Königin war?“ Die weiße Jungfrau antwortete: „Ich bin ein Engel, von Gott gesandt, dich und dein Kind zu verpflegen.“ Da blieb sie in dem Hause sieben Jahre, und war wohl verpflegt, und durch Gottes Gnade wegen ihrer Frömmigkeit wuchsen ihr die abgehauenen Hände wieder. […]

Gut und Böse. In einer idealisierten Vergangenheit, wie sie zum Beispiel hier, in den „Kinder- und Hausmärchen“ der Gebrüder Grimm, dargestellt wird, ist alles ganz einfach. Der Teufel, das personifizierte Böse, fälscht Briefe und versucht, großes Unheil anzurichten – als Selbstzweck. Ein Gebet zu Gott, dem personifizierten Guten, bewirkt das direkte Eingreifen von Engeln, was letztlich zu einer positiven Wendung des Märchens führt. Sogar die Hände wachsen dem Mädchen ohne Hände dank seiner Frömmigkeit wieder nach.

Heutzutage sind Gut und Böse nicht mehr modern. Der heutige, aufgeklärte Mensch weiß natürlich, daß das Leben nicht nur aus „Schwarz und Weiß“ besteht, sondern aus beliebig komplizierten Graustufen.

Frömmigkeit ist erst recht nicht mehr modern. Nicht das Streben nach dem Guten wird in den Medien als positiv dargestellt, sondern man setzt gezielt das, was früher als Todsünde galt, in der Werbung ein. Geiz ist geil. Es ist erstrebsam, das Leben auf Leidenschaften zu reduzieren. Sogar die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung wirbt auf einem Kondom-Plakat: „Seitensprung? Mach's mit.“

Bei solcher Vorbereitung von klein auf verwundert es nicht, daß so viele Leute illegal fernsehen und Musik und Software illegal aus dem Internet beziehen, ohne deswegen auch nur ein schlechtes Gewissen zu haben. Gut und Böse scheinen heute, im Informationszeitalter, keinen Wert mehr zu besitzen.

Da würde man es sich schon manchmal wünschen, daß alles so überschaubar wie im Märchen wäre. Nicht von ungefähr übt beispielsweise „Der Herr der Ringe“ eine derartige Faszination auf viele moderne Menschen aus.

Die Begeisterung für das Fantasy-Genre geht dabei manchmal sehr weit:

Diese Phänomene lassen sich nicht allein mit Modetrends oder mit der Suche nach verlorengegangener Sicherheit erklären. Sie sind auch nicht wirklich neu – abgesehen von ihrer Globalität. Es sind gemeinsame Phantasien, wie es sie schon immer gab – entweder in kleinen, geschlossenen Gruppen oder als eine große Bewegung, die sich über viele Jahre hinweg allmählich ausbreitete. Dieselben gemeinsamen Phantasien sind jedoch dank moderner Kommunikationsmittel, insbesondere des Internet, zu einem rasanten Massenphänomen geworden.

Die Einfachheit, mit der man heutzutage Informationen veröffentlichen und auffinden kann, ermöglicht heute, daß sich Menschen, die sich früher niemals im Leben begegnet wären, sehr intensiv kennenlernen und gemeinsame Phantasien aufbauen können.

Diese Einfachheit des Aufbauens kennzeichnet das Informationszeitalter. Sie ermöglicht Dinge, die in dieser Form früher nicht möglich gewesen wären – und ist dabei durchaus nicht auf das Thema „Unterhaltung“ beschränkt. Es gibt unzählige Projekte im Internet, in denen an sehr nützlichen gemeinsamen Informationen gearbeitet wird.

Ein Beispiel ist das Gutenberg-Projekt, das uns unter anderem die Märchen der Gebrüder Grimm zur Verfügung stellt.

Ein weiteres Beispiel ist die Wikipedia, die freie Enzyklopädie im Internet. Dieses ehrgeizige Projekt lebt davon, daß jeder „einfach so“ Artikel beitragen darf.

Es ist erstaunlich, wie wenig Moderation – verglichen beispielsweise mit dem Personalbedarf einer Bibliothek – notwendig ist, um diese Projekte gegen Mißbrauch zu schützen. Dadurch, daß sich viele Gleichgesinnte zusammenfinden, sind heutzutage in Freizeitarbeit Dinge möglich, die noch bis vor wenigen Jahren hochbezahlten Spezialisten vorbehalten waren.

Wie kommt das?

Denken wir uns ein Analogon zur Wikipedia in der materiellen Welt, zum Beispiel ein öffentlich ausliegendes Lexikon. Damit, daß ein zufällig vorbeischauender Experte das Lexikon z.B. durch beigelegte Zettel sinnvoll ergänzt, ist nicht zu rechnen – im Gegenteil: Innerhalb von kürzester Zeit wären die Seiten höchstwahrscheinlich vollgeschmiert oder ausgerissen. Wenn sich unter hundert Leuten, die das Lexikon in die Finger bekommen, ein Vandale befindet, können die anderen neunundneunzig die Zerstörung nicht auffangen.

Daß es der Wikipedia besser ergeht, liegt aber nicht daran, daß das Beschmieren der Wikipedia etwa schwerer sei als das Beschmieren von Papier.

Es liegt daran, daß es leichter ist, die Wikipedia zu verbessern, als dies bei einem ausliegenden Papierlexikon der Fall wäre. Wenn sich unter hundert Leuten, die etwas in die Wikipedia schreiben, ein Vandale befindet, findet sich unter den anderen neunundneunzig jemand, der die Zerstörung auf gleiche Weise wieder behebt – oder sie einem Moderator meldet, der die Seite mit relativ wenig Aufwand [1] wieder in den vorherigen Zustand versetzen kann.

Wie überall, gibt es auch in freien Systemen wie der Wikipedia wenige Menschen, die viel beitragen, und viele Menschen, die nur profitieren, ohne selbst etwas beizutragen. Regelmäßig gehen materielle Projekte an diesem Problem zugrunde. Die Wikipedia als Informationsprojekt verkraftet das Mißverhältnis zwischen Geben und Nehmen aber weitaus besser.

Der prinzipielle Unterschied besteht darin, daß Information im Gegensatz zu Materie nahezu kostenlos und absolut verlustfrei kopierbar ist. Bei einer Mitbring-Party muß schon ein recht hoher Anteil der Gäste etwas Eßbares mitbringen, damit alle satt werden; schließlich kann man einen mitgebrachten Kuchen nicht mit einem Kopierer vervielfältigen. Bei einer Informations-Mitbring-Party genügt es, wenn ein einziger von tausend Gästen interessante Informationen hat, damit alle sie bekommen.

Während also in der materiellen Welt das Zerstören wesentlich einfacher als das Aufbauen und Erhalten ist, fällt dasselbe Mißverhältnis in der Welt der reinen Informationen weitaus weniger krass aus.

Wenn ein Projekt wirklich „gut“ ist, finden sich im Internet möglicherweise tatsächlich genügend „Engel“, um selbst mit heftigem Vandalismus fertig zu werden – und gewissermaßen abgeschlagene Hände nachwachsen zu lassen.

Das Informationszeitalter ist also nicht das Ende von „Gut“ und „Böse“. Es gibt uns im Gegenteil die Chance, wirkungsvoll gut zu sein. Nie zuvor in der Geschichte der Menschheit war diese Chance so groß.

Es liegt an uns, ob und wie wir sie zum Guten nutzen.


Anmerkungen:

1 Hiermit soll selbstverständlich nicht die oft immense – und größtenteils ehrenamtliche – Arbeit der vielen Projektbetreuer herabgewürdigt werden. Der Autor kennt den Aufwand aus seinem Freundeskreis und aus eigener Erfahrung sehr gut. Es geht hier um die Summe der insgesamt aufgewendeten Arbeit, und die ist erstaunlich gering – so gering, daß es sehr wenige engagierte Menschen tatsächlich schaffen, sie irgendwie zu bewältigen.

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