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Peter Gerwinski – Artikel

Europa und das Gnu

Diese alte Sage entstand im Mai 2001 anläßlich der Gründung der „Free Software Foundation Europe“ in Anlehnung an die Europa-Sage des klassischen Altertums nach Gustav Schwab.

Vor langer Zeit in einem fernen Lande lebte ein König in einem Palast. Der königliche Palast war prachtvoll und eindrucksvoll anzusehen, und er war von goldenen Zäunen umgeben. Der König hatte viele überaus freundliche Diener, die Weichen Zwerge, die sich um alle Aufgaben des täglichen Lebens kümmerten und denen allein es der König überlassen hatte, die Tore des goldenen Zauns zu öffnen oder zu schließen.

Der König hatte eine Tochter, Prinzessin Europa. Schon als junges Mädchen stellte sie ihrem Vater viele Fragen, zum Beispiel warum sie ihren Palast nie verließen, warum in allen Büchern dasselbe stand und woraus genau die Speisen bestanden. Aber jedesmal antwortete ihr der König mit einem milden, verklärten Lächeln: „Das braucht uns nicht zu interessieren. Das wissen allein die Weichen Zwerge.“

Die Weichen Zwerge aber gaben der Prinzessin auf keine ihrer Fragen eine Antwort, sondern lächelten immer nur freundlich. So wuchs Europa zu einer sehr nachdenklichen jungen Frau heran.

Eines schönen Sommertages spielte Prinzessin Europa mit ihren Freundinnen im Garten. Sie war voll Kummer, ja Verdruß über die Weichen Zwerge, denn eine ihrer Freundinnen lag vom letzten Essen krank darnieder und konnte keine Speise bei sich behalten. Doch die Weichen Zwerge wollten Europa trotzdem nicht sagen, was in den Speisen gewesen war. Auch ihr königlicher Vater schien keinen Anstoß an dem Geschehen zu nehmen: „Dann muß man eben noch einmal von vorne anfangen mit dem Essen.“

Während ihre Freundinnen zu ihrer Erbauung Blumen pflückten, schaute Prinzessin Europa sehnsüchtig durch den goldenen Zaun, der den königlichen Palast umgab. Da entdeckte sie im Garten ein ungewöhnliches Tier, das sie noch nie vorher gesehen hatte. Es war keins jener zahmen Tiere, die, von den Weichen Zwergen gefüttert, unter dem Joch gebeugt den schwer beladenen Wagen zogen oder zur Schlachtbank trotteten. Nein, es suchte sich sein Gras selbst, und es hatte nach innen gebogene, starke Hörner. Es war ein Gnu.

Europa bewunderte die edle Gestalt des Tieres und seine erstaunlich friedlichen Gebärden, und sie rief ihre Freundinnen: „Kommt doch näher!“ Aber keins der Mädchen traute sich recht an das Gnu heran.

Europa überlegte: Wenn dieses fremde Tier hier hereingekommen ist, kennt es vielleicht auch einen Weg nach draußen. Das Gnu drehte sich leicht und bot Europa seinen Rücken dar – gerade so, als würde es die geheimen Wünsche der Prinzessin verstehen.

Da schwang sich Europa lächelnd auf den Rücken des Gnus, während ihre Freundinnen zaudernd und unschlüssig zusahen.

[Zeichnung: Europa und das Gnu]
„Europa und das Gnu“
von Anja Gerwinski

„Seht Ihr – es ist ganz friedlich!“ rief sie ihren Freundinnen zu. Dem Gnu aber zwinkerte sie zu, und das Tier zwinkerte zurück, während Europa seine Hörner fest umklammerte.

Mit einem Mal setzte sich das Gnu in heftige, unaufhaltsame Bewegung. Die Weichen Zwerge sahen, laute Befehle rufend, aber letztlich hilflos zu, wie die junge Frau von dannen ritt.

Mit einem großen Sprung überwand das Gnu den goldenen Zaun und lief, dem eiligen Rosse gleich, über die Wiesen. Und ehe sich die Verfolger besinnen konnten, war es mit einem Satz ins Meer gesprungen und schwamm mit der Prinzessin davon.

Das Tier schwamm eilig dahin wie ein Schiff. Bald war das Ufer verschwunden, die Sonne untergegangen. Im Helldunkel der Nacht sah die glückliche junge Frau nichts um sich her als die unendliche Freiheit der Wogen und Gestirne. So ging es fort, auch als der Morgen kam; den ganzen Tag glitt sie auf dem Gnurücken über die unendliche Flut. Dabei wußte das Tier so geschickt die Wellen zu durchschneiden, daß kein Tropfen seine Reiterin benetzte.

Endlich, gegen Abend, erreichten sie ein fernes Ufer. Das Gnu schwang sich ans Land und ließ die junge Frau unter einem gewölbten Baume vom Rücken gleiten.

Europa konnte es noch gar nicht fassen, daß sie aus der Umzäunung des königlichen Palastes entkommen war. Halb betäubt sprach sie nur: „Danke. Du hast mir die Freiheit geschenkt.“

Da begann das Gnu mit der sanften, aber bestimmten Stimme eines alten Weisen zu sprechen: „Höre, ich habe Dich aus dem umzäunten Palast und von den Weichen Zwergen befreit und Dich in diesen Weltteil gebracht, um Dir die Möglichkeit zu geben, an der Befreiung aller Teile der Welt mitzuwirken. Unsterblich wird dein Name werden, denn dieser Weltteil, den wir als nächstes befreien wollen, heißt nach dir: Europa!“

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